Klausens Wandlung

Manuskript

 

Klausens Wandlung

Erzählung

Alfried Schöngrün

 

Erstes Leben

Vor seiner innerlichen Veränderung und dem folgenden gnadenlosen Aufstieg vom Nichts zum Redner, aktiven Kämpfer und Ideenvermittler, zum absolut mächtigen Stern, der so stark leuchtete, dass ihm jeder gewahr wurde und zu dem die Menschen aufsahen, letztendlich zu einer Art Gott, der mit seinen Reden die alten Geisteshüllen abstreifte und den Menschen eine neue Welt schuf, war Klaus tatenlos, niedergeschlagen und in seinen Gedanken verfangen. Er quälte sich von Tag zu Tag, besah das Elend, das ihn umgab mit stillem Entsetzen, war unfähig aufzustehen, unfähig etwas in die Hand zu nehmen. Er wusste nicht wie, fand keinen Ansatz.

Der Sumpf war tief und der Wagen steckte fest. Erst hatte man ihn hineingeschoben und dann tat niemand mehr etwas, um ihn wieder herauszuziehen. Er sackte tiefer und tiefer und mit ihm die menschlichen Insassen, halbtot von der schlechten Luft. Sie husteten einander an, bekämpften sich wenngleich sie im selben Wagen saßen. Sie dachten wohl, sie müssten ums eigene Überleben kämpfen, waren unruhig, strampelten und traten um sich, so dass der Wagen noch tiefer sank.

Klaus lag meist in seinem alten, geschreinerten Eichenbett, das einem skandinavischen Marshall gehört haben soll, der damals hier im Norden Deutschlands lebte. Es knarrte bei jeder Bewegung, doch die geschnitzten Köpfchen der Einhausungen an Kopf und Fuß mit ihren pupillenlosen Augen und ihren übergroßen Flügelohren bewachten den Schlafenden und schützten ihn vor den Unerträglichkeiten der Zeit. Diese fraßen sich nachts durch die Menschenhirne, drangen tief in sie ein und wüteten dort bis der Morgen graute. Dann schreckten sie hoch die armen Menschen, ganz bleich und erschöpft, mit zerfressenem Gehirn und schleppten sich zu ihrer Stelle, an der sie Dinge taten, die sie eigentlich niemals machen wollten. Hastig vegetierten sie dahin, erzeugten mit ihren Bewegungen ein lärmendes Grummeln, das über die Jahre immer schneller und lauter geworden war, jedes zarte Pflänzchen betäubt, jede leise Stimme übertönt hatte. Selbst Orte die früher ruhig waren hatte es erfasst. Es gab kein Entrinnen.

Klaus hatte ein sehr feines Gehör nebst großen Ohren. Das Grummeln lähmte ihn, trieb ihn zu vollkommener Untätigkeit, so dass er im Schutz der geschnitzten Köpfchen liegen blieb, den größten Teil seiner Zeit verschlief. Er wollte da nicht raus. Der Tag war zu laut, zu hell. Er sah und hörte das schnelle Leben der Anderen. Es war fremd für ihn, so weit entfernt von dem, was das Leben sein könnte.

Er aß kein Frühstück, Mittag um drei als einzige Mahlzeit und ging dann durch den Menschenwald der Stadt bis zur Einkehr der Dunkelheit.

Es war schon Abend als Klaus langsam wacher wurde. Er ging in Richtung der Spelunke, in der er gedachte zu verweilen, um zu lauschen und zu schauen. Die müden Augen der von ihrer Stelle Heimkehrenden begegneten ihm auf dem Weg. Sie waren offen doch schlafend. Schienen nicht mit dem Hirn verknüpft, sahen aus, als sähen sie ins Leere, ins Nichts, als nähmen sie nichts wahr das außerhalb ihrer Hülle lag. Aus manchen quoll plötzlich Ekel und Abscheu wenn man ihnen zu nahe kam. Klaus setzte sich auf eine Bank und verfiel in einen inneren Monolog:

„Zerfall, Verfall, Abfall, Weltall, wer sieht das? Wen stört das, wenn hier ein Menschheitsgrüppchen den Bach runter rauscht? Da oben von den anderen Planeten in anderen Universen sieht es niemand, zu weit weg, und wir sind auch bald weg, die Sonne braucht nur mal Langeweile zu bekommen und sich einen Spaß machen, sich mal ordentlich aufregen, mit uns Sauna spielen oder müde werden und keine Lust mehr haben diese kleinen Menschenviecher am Leben zu halten. Dann wird’s kalt und weg ist das Gewimmel. Alle weg, alle weg.“

Es fing an zu schneien. Riesige Flocken verwehten den Blick, wehten durch Klausens Augen in ihn hinein und verwirbelten seine Gedanken.

„Und sie machen sich das bisschen Leben, das sie haben zu stinkendem Brei, zu saurer Grütze, lassen sich domestizieren von Ihresgleichen, von den größten Schweinemenschen, von Krümelkackern und Strandprolls die rein gar nichts verstehen können und die selbst als Marionetten ihr Leben fristen, gefangen in ihrem eigenen überdimensionalen Ich von dem sie niemals loskommen und so in Verzweiflung über die eigene Hohlheit versuchen sich über die anderen zu erheben, indem sie um sich schlagen und treten.

Es ist so kalt geworden. Die Zwischenräume zwischen den Körpern sind vereist, so dass sie nicht mehr zueinander gelangen können. Jeder lebt in seinem Bau aus Schnee und Eis. Was tun, was kann ich da tun, was machen, wie leben, ich will das nicht so, ich kann in diesem ganzen Eis nicht sein, es ist mir viel zu kalt, ich habe doch warmes Blut, das ist doch hier nicht Natur, kein natürliches Leben, das stirbt doch, das geht doch zugrunde.

Aber was ist es schon wert? Nichts. Soll es doch zugrunde gehen! Liebe Sonne, lass uns bitte erfrieren. Ach, das machst du dann wenn du es willst und solange haben wir hier zu existieren. Wir müssen. Wir müssen ja leben auch wenn wir nicht wollen.“

Als er wieder zu sich kam, war Klaus verschneit. Er plusterte sich gehörig auf, um die Schneedecke los zu werden, die ihn bedeckte. Dann stiefelte er weiter zur Spelunke. Tatsächlich spielte eine Band. Das Schlagzeug schlug ein langhaariger Bombenleger, den Bass beherrschte eine filigrane Brünette und am Mikrofon stand ein angetrunkener Bandführer mit Gitarre. Eine anarchistisch anmutende Rocktruppe. Klaus bestellte ein Getränk und hörte zu. Der kräftige Bass ergab mit sparsamem Schlagzeug, klarer Gitarre und überlegenem Gesang ein wunderbares Ensemble an Klängen. Sanfte Passagen glitten in Steigerungen, die wiederum in brachiale Ausbrüche mündeten, die sich in die Spelunke ergossen und diese ganz ausfüllten. Es folgten ruhige, weite Teile, die dann plötzlich losschlugen. Ein Auf und Ab war es, ein Harmonisch verfolgt von lauten Dissonanzen.

Klaus gefiel es außerordentlich und er bestellte sich noch ein Getränk. Selten gefiel ihm die Musik der Gegenwart und so genoss er das Konzert und war für eine Weile froh.

Mit der Weiblichkeit erging es ihm ähnlich wie mit der Musik. Es fand sich kaum ein Mädchen, das er gleich und nach ein paar Tagen auch noch mochte. Und wenn er doch mal eine zarte Gestalt kennenlernte, dann war sie entweder zu jung, zu einfach oder aber Klaus empfand etwas für sie, doch vernebelte diese Empfindung seinen Verstand dermaßen, dass er sich fürchterlich benahm und die schönsten Schnecken dieser Erde vergraulte.

Die Mehrzahl der Frauen erschien ihm verändert. Klaus dachte es käme vielleicht von den Pillen die sie schluckten. Pillen die Körpern und Gehirnen etwas vormachten, eine Schwangerschaft vortäuschten. Doch waren sie nicht schwanger und verhielten sich doch so, als ob sie es wären. „Keine Frau hat Lust auf Abenteuer wenn sie denkt es wachse in ihr ein Menschenkind. Da ist Sicherheit gefragt und kein passender Schlüssel zum Schloss.“

So standen die Hormonschnitten an den Tischen und glotzten blöd durch die Gegend. Die Männer, die ja nichts schluckten außer Bier und Schnaps, waren irritiert, da sich die Weibchen nicht natürlich verhielten, schütteten verzweifelt raue Mengen in sich hinein und verausgabten sich beim Saufen. Der ganze Fortpflanzungsprozess war ins Stocken geraten. Sie fanden einfach nicht mehr zueinander.

In einer Ecke stand eine kleine Schönheit. Ihr Antlitz wirkte offen, so dass Klaus zu ihr ging und sie ansprach. „Na, auch hier?“ brachte er hervor. „Ne.“ kam als Antwort. „Hab ich mir doch gedacht, dass das nur ein Traum sein kann.“ Das Gespräch war beendet. Sie sagte nichts mehr, wenngleich der letzte Satz doch ein Kompliment war, wohingegen der erste einen gewissen Humor voraussetzte. Klaus ging zurück an die Bar und bestellte sich ein weiteres Erfrischungsgetränk und noch eins.

Der Bandführer stürzte eine Flasche nach der anderen in sich hinein, wurde immer wackeliger, würgte beim dritten Lied und übergab sich hinter einen Pfeiler. Er kam zurück, stolperte über sein Gitarrenkabel, strauchelte, griff nach dem Mikrophon und stürzte mit Gitarre, Mikrophon und Ständer vorne von der Bühne. Das kleine Publikum stob auseinander. Klaus half beim Wiederaufstieg. Das Konzert ging mit einer leicht blutenden Schürfwunde an der Stirn weiter. Geblubberte Texte flossen ins Mikrophon. Vom Leben wie es sein sollte oder könnte, wie es aber nicht war und ist. Wahrscheinlich verstand sie niemand.

Leer war es. Wer ging schon an einem Wochentag abends raus, aus? Müde und ausgemergelt lagen die Menschen vor Bildschirmen. Ließen sich freiwillig kastrieren, den Kopf amputieren. Ließen sich bis zum Anschlag volllaufen mit geisteskrankem Affentheater, bis nichts mehr hineinging, bis zum absoluten Stillstand, Hirntod. Parallel stopften sie Nahrungsmittel in die Mundöffnung bis auch da nichts mehr hineinging. Dann sanken sie nieder, litten ruhelos durch die Nacht bis zum folgenden Tag, die Wiederholung des vergangenen Tages. Wiederholung folgte auf Wiederholung auf Wiederholung auf Wiederholung auf Wiederholung, ohne Veränderung, ohne Bewegung lag das Land als schwerer Stein im schwarzen Nebel.

Noch leerer wurde es in der Spelunke. Das letzte Lied war gespielt und Klaus saß allein, sah der kühlen Barblume beim Räumen zu. Sie war außergewöhnlich hübsch, beinahe reizend. Der Ausdruck ihrer Augen verriet jedoch eine Kälte, eine veränderte, vielleicht unterdrückte Natur. Oder war diese Kälte ihre Natur? Trieb auch sie im kalten Sog der lahmen Jugend, die aus unerfindlichen Gründen zufrieden schien, die alles gut fand, alles mitnahm, alles hinnahm, die keine Kraft hatte an Land zu gehen, eine Insel zu bauen oder sich zumindest irgendwo festzuhalten, die ideenlos mitschwamm, hinunter, mitgerissen vom gewaltigen Strom der gegenwärtigen Ordnung? Klaus las in ihr und ließ die sinnlosen Versuche der Annäherung. Er versank in sein Getränk und verfiel in Grübelei.

„Sie lassen das alles mit sich machen, sie denken nicht und machen alles mit und niemand sieht die Folgen, niemand sagt, was dann passiert, wohin das führt. Sollen sie so sein? Labile, schwankende Menschen die nicht wissen, was sie glauben sollen, ohne Gott, ohne den es auch geht, ohne heilige Schriften und dafür mit Fragen, die unbeantwortet bleiben was vielleicht besser ist als eine Antwort aus einem Märchen. Und doch muss an seine Stelle etwas treten, was noch nicht da ist aber gebraucht wird. Was, was ist es, was kann es sein und was ist da? Geld, Geld und Geld ist da, daran glauben sie, Verschwörungstheorien, Ismen, Alkohol sind da und treten an die Stelle an der vorher ein Regelwerk stand, füllen die leeren Schädel mit Schwachsinn und Dreck. Jeder hat anderen Dreck im Schädel, jeder glaubt seinen eigenen Mist, eine Verständigung wird unmöglich, eine Gemeinschaft wird unmöglich, man kann nicht mehr im Kanon singen und wenn man erst alles nach seinem eigenen Gott ausgerichtet hat, dann gute Nacht liebe Kinder. Wir kaufen uns lieber einen halben Panzer als Auto in dem wir unser mickriges Dasein für einen Moment über die anderen Schweine erheben und auf sie herab erbrechen, diese Anderen, diese Schweine, diese blöden Dreckschweine, das sind alles Feinde, ich bin der Chef hier, ich, ich, ich, alle anderen sind das Letzte, Untermenschen, ich muss hier durch, egal wie viele dabei draufgehen, ich mach euch alle fertig! Keine Ehrfurcht vor Irgendwas. Mann gegen Mann. Frau gegen Frau. Kind gegen Kind. Die reinste Natur, komplett befreit von jeder Kultur. Oder nur verseucht von einer abscheulichen Unkultur? Kein Mitleid, kein Mitgefühl, keine Hilfe, keine Kameraden, keine Freunde. Das wird alles runtergespült und durch nichts oder das Gegenteil ersetzt. Soll man das laufen lassen? Warum sagt niemand was? Wann ist das Maximum dieses zerstörerischen Zustandes erreicht? Ist es vielleicht schon in der Nähe? Ist das Maximum erreicht, kehrt sich die Lage ins Gegenteil, dann geht es in eine andere Richtung. So lange warten? Soll man wirklich solange warten? Warum schafft niemand etwas Neues? Es muss doch auch anders gehen. Das Alte ist zu alt, viel zu alt, es passt nicht mehr, es ist zu eng, zu klein und das Gegenwärtige führt zum Niedergang jeder Schönheit. Zum Niedergang des Lebens. Ach ich lebe, bin hier und jetzt und kann doch nicht anders, als mich grämen über die Menschen, die Mitmenschen, mit denen ich lebe, über ihre Taten, über ihr Entarten. Wenn man ihnen vollkommen freie Bahn gibt, dann rennen sie sich gegenseitig über den Haufen. Warum ist es so grausam in der Natur oder ist es die Kultur, die Art von Kultur die gerade herrscht, die die Menschen von ihrer eigentlichen Natur weg und hin zum Kampf gegen den Anderen treibt? Oder liegt es an der Masse, an der Dichte, an den Milliarden?“

Klaus stellte sich auf den Mond und sah zur Erde herab. Wieder erschien ihm alles Tun nutzlos, die Kleinheit der Menschheit, die Machtlosigkeit seiner Gedanken wurden ihm bewusst. Und trotzdem blieb in ihm das Gefühl, etwas tun zu müssen, etwas verändern zu müssen, etwas in der Kleinheit, zu der er gehörte, zu bewegen. Es blieb ja nichts anderes als das Menschsein, mehr war nicht möglich, und so musste man sich damit arrangieren, das Beste draus machen. Das Leben so schön als irgend möglich gestalten.

Ein herber Stoß holte ihn zurück und man fegte ihn hinaus auf den Gehsteig, auf die Straße. Der Schnee glänzte, erhellte und ermunterte etwas und ließ die Nacht schimmern. Klaus glitt über den Schnee dahin und dachte an die Barblume. Wann würde ihm ein liebes, liebenswürdiges, liebestolles, offenherziges Geschöpf begegnen, das man lieben konnte ohne Bedenken, ohne Nachzudenken, einfach so? Ohne Angst vor den Folgen.

Kinder muss man sich leisten können. Sie rauben die Freiheit. Zuerst mal reisen und Karriere machen, um eine Arbeitsstelle kämpfen, arbeiten, alles absichern. Dann später doch noch ein einzelnes Kind, ein Wunschkind, etwas von der schon geringer gewordenen Vitalität der Mutter beeinträchtigt. Aber gepflegt und gehätschelt. Es denkt später es sei das Größte und Schönste auf der Welt.

Von hinten kam eine Hand und riss Klaus herum. Im nächsten Augenblick traf eine Faust sein Auge. Er torkelte durch die Wucht des Aufschlags zurück, konnte mit dem getroffenen Auge nichts mehr erkennen, versuchte trotzdem zurückzuschlagen doch kam schon der nächste Hieb, gefolgt von Tritten und weiteren Schlägen. Er konnte sich nicht wehren, ging zu Boden. Weiter wurde auf ihn eingeschlagen, mit aller Kraft auf den Wehrlosen gedroschen, alles raus gelassen, alles mitgenommen was gefunden wurde. Dann wurde es ruhig. Klaus übergab sich auf den Gehsteig. Es gelang ihm, sich aufzurichten und nach Hause zu schleppen. Hinter der Wohnungstür brach er zusammen und kam erst am nächsten Morgen zu sich. Zum Arzt ging er nicht.

Der Sturm peitschte Schneeregen durch die Stadt. Klaus lag im Bett, quälte sich nur hoch, wenn es sein musste, um etwas zu essen oder ein Buch aus dem Regal zu holen. Sein getroffenes Auge war dick und schwarz, doch kehrte die Sehkraft langsam zurück. Lesen konnte er. Beim Lesen dachte er, grübelte nach, suchte in den Büchern nach Ideen, nach Erklärungen, nach etwas das ihm helfen konnte, nach Lösungen und Antworten, einem Halt. Er fand nur wenig. Seine Verletzungen schmerzten und er beschloss nicht mehr am elenden Leben der Menschen teilzunehmen, sich ganz zurückzuziehen. Er wollte sich verabschieden vom Dasein als Menschentier, um als etwas anderes zu leben. Als Vogel, Blume oder Baum, als Wurm im Erdreich, grabend nach Nahrung ohne nachdenken zu müssen, ohne die Fähigkeiten zur Lüge, zur Boshaftigkeit, ohne eine Ideologie, ohne einen Ismus. Erinnerungen an seine verlorenen Lieben zogen ihn weiter hinab. Er sank tiefer, jeden Tag tiefer. Er wusste nicht weiter. Er war allein. Er war am Boden. Wasser quoll aus seinen Augen und ein Schleier aus Dunst umgab seinen Körper.

Ab und an blitzten einige Erinnerungen aus seiner Kindheit auf, ein paar Ferienerlebnisse, Kinderfreunde, ein hübsches braunhaariges Mädchen, ein See, doch es schien, als sei seine Kindheit eine trostlose Krise gewesen, ein Hin und Her ohne Richtung, ohne Kümmern, ohne Hilfe, ein Alleinsein, ein Alleingelassensein. Hatten die Kinder der Gegenwart mehr Raum, mehr Halt, mehr Zeit um herauszufinden, was sie am besten konnten? Wurden sie nicht so sehr gedrückt und gequetscht?

Klaus hatte genug und wollte doch seinem Leben kein Ende setzen. Er lag herum, sah an die Wand, las alte Dichter, ging kaum noch hinaus, vegetierte dahin. Draußen richtete sich die Gesellschaft selbst. Den Lärm der Straße hörte er nicht mehr. Er hatte sich vollkommen zurückgezogen, eingekapselt. Hielt keinen Kontakt zur Außenwelt. Wenn er hinausging sah er nicht auf, sprach nicht, erledigte was zu erledigen war und beeilte sich zurückzukommen, verschloss die Tür. Es schien, als hätte er alles vergessen. Dabei konnte und musste man etwas tun, um eine Veränderung zu bewirken. Klaus wusste nicht, dass er ungewöhnliche Fähigkeiten besaß. Er war gedankenlos und leer, seine Empfindungen verendeten, er war seiner selbst nicht mehr bewusst. Lag da, Tage, Wochen, Monate, vielleicht länger.

Eines morgens, nach unbekannter Zeit stand er auf, ging mit gesenktem Blick raus auf die Straße, raus durch die Stadt. Eine Musik drang an die zugeklappten Ohren. Er schaute auf und sah einen russischen Akkordeonspieler mit rundem roten, sehr freundlichem Gesicht. Er spielte Volkslieder. Russische, deutsche. Klaus blieb etwas abseits stehen und ließ die Musik in sich hinein, bemerkte, dass sich etwas in ihm regte, dass ihm warm, dass er wach wurde. Er stand noch eine Weile, kehrte dann heim und holte seine alte, verstaubte Gitarre aus der Ecke, rieb sie ab, stimmte und spielte los, einfach irgendwas, improvisierte herum. Nach einiger Zeit entstand ein kleines Stück, das ihm gefiel. Er schrieb es auf und spielte weiter und weiter, spielte und spielte, sang dazu. Die Musik hatte ihn geweckt. Er wurde noch wacher, entfachte ein kleines Feuer, das bald den gesamten Leib durchdrang und ausfüllte. Die höchste Wachheit und Hitze entlud sich in einem Ausbruch von komplexen Gedankenflüssen.

„Die Menschen brodeln auf der Welt, überall sieht man sie ihr Wesen treiben, sie beginnen zu kochen und niemand kann die Flammen löschen, sie kochen über und überschwemmen die sie umgebenden. Dann kochen andere über und andere und andere. Sie können nicht ruhig sein, sich nicht ausruhen. Es läuft einfach ab und ist nicht fassbar, nicht im Ganzen greifbar, nicht zu kontrollieren. Und es interessiert niemanden. Weil sonst niemand da ist. Lediglich sie selbst. Es geht nur sie selbst etwas an. Sie müssen damit klarkommen.

Und hier auf diesem kleinen Stück Erde, das schon so oft übergekocht ist und so viele Überschwemmungen angerichtet hat, wie ist es hier? Was machen sie hier? Sie kochen nicht über. Sie sind kalt, erkaltet. Sie arbeiten irgendetwas für irgendwen, erzeugen industriellen Dreck, um widernatürliche Bedürfnisse zu befriedigen. Es entspricht ihnen nicht. Keine natürliche Arbeit, die dem Menschen von Natur aus innewohnende Bedürfnisse stillt. Sie lassen sich versklaven von dieser fremden, übergestülpten Form des Wirtschaftens. Und wenn sie mitmachen, sich prostituieren, dann haben sie alles was sie meinen zu brauchen und haben doch alles verloren.

Es war doch anders, es geht doch anders und es wird anders, es muss. Oder stimmt das nicht? Ist es gut so wie es ist? Ist es gar eine natürliche Lebensweise, eine der Zeit entsprechende, gar eine Hochkultur? Was weiß ich schon? Geht es nicht noch viel schlimmer und ist das, was wir hier haben womöglich noch eine angenehme Art des Lebens, des Nebeneinanderlebens? Aber es ist doch gar kein Leben. Es ist doch keine Zeit mehr da zum leben, keine Zeit für Freunde, für Verwandte, für Kinder. Die Arbeit frisst sie, sie frisst die ganze Zeit, sie ist ein unersättliches Monstrum, ein über allem thronender Tyrann. Er mergelt die Menschen aus, macht sie krank und kaputt. Aber sie müssen es ja tun. Müssen sie? Ja, sie müssen, sie werden gezwungen, gedrückt und gequetscht und dann zerquetscht von Ihresgleichen zwischen einem riesigen Daumen und einem riesigen Zeigefinger, der immer erhoben über allen steht und ihnen befiehlt. Sie haben Angst, keine normale Angst, Todesangst, von außen eingeflößt sitzt sie tief innen und arbeitet, nagt an den Organen. Sie ist der Motor, sie treibt an, sie lässt die Menschen ihre eigene Natur begraben und verwandelt sie in speiende Bestien, die sich gegenseitig zerfleischen. Denen befohlen wird sich zu töten, Kriege anzuzetteln, widernatürliche Kriege, um Waffen zu verschroten, mit deren Verkauf sich die Schweine bereichern. Töten bringt Geld. Ja macht sie fertig. Bringt sie um. Sie müssen sterben damit wir leben können. Die verschiedenen Haufen rotten sich gegenseitig aus und am Ende bleibt nur das fetteste Schwein übrig, die dreckigste Sau, die alle anderen angekotet hat. Dann merkt sie, dass sie alleine ist, alles aufgefressen hat und auch sterben muss, anders als die anderen – einen langen, qualvollen Hungertod. Sie hätte mit ihnen leben, mit ihnen etwas schaffen sollen, gemeinsam. Das aber konnte sie nicht mehr. Sie war krank, geisteskrank und niemand hat sie eingesperrt noch aufgehalten, sie haben ihr freien Lauf gelassen, sie einfach gelassen, haben sich selbst von ihr zerstückeln und fressen lassen. Selbstmord. Andere haben es ihr gleichgetan, sie nachgeahmt, einer der Abklatsch des anderen, weil ihnen nichts Besseres einfiel, weil der Kopf zu klein, das schrumpelige Gehirn oft zu träge ist um es anders zu machen, etwas Eigenes zu erfinden. Unter dieser entsetzlichen Beschränktheit, die zur bedingungslosen Annahme jeder noch so entfremdeten Vorstellung, zum Glauben an jede noch so große Lüge führt, leiden wir. Und sie wird gefördert und ausgenutzt und führt zu noch mehr Nachahmern der Sau, die sich über die gesamte Kugel ausbreiten. Alles voller Säue die sich gegenseitig vernichten und die Kinder unter den Menschen, die noch nicht angesteckten mit sich reißen. Man darf sie nicht lassen, nicht machen lassen, nicht allein lassen, man muss etwas tun, etwas geben, etwas das hilft, etwas, das nach oben, aus dem Abgrund hinaus lenkt. Die Gehirne müssen herausgerissen und entleert, entgiftet, dann wieder gefüllt werden, so dass sie miteinander leben können, so dass sie ein Ganzes bilden, ein ruhiges, pulsierendes Ganzes, aus dem das Leben neu erwachsen kann.“

Klaus brannte. Warum gerade jetzt so plötzlich und unerwartet? War er verrückt geworden von dem lauten wertlosen Dasein, das ihn umgab, von den stehengebliebenen, verwesenden Menschen? Oder war alles nur ein Traum? Ein Traum eines Toten der die Welt wie sie war nicht ertragen hatte, an ihr zugrunde gegangen ist? Es war nicht sicher.

Klaus fasste einen Plan: Zuerst wollte er alles kaputt machen, mit sinnleeren Reden die mit Mist und Grütze gefüllten Köpfe leeren, dann steigern und letztendlich seine Ideen verpacken und darbieten, sie den Menschen einflößen. Dann würden die Ideen sich verbreiten und eine Veränderung bewirken. Diese Veränderung war sein Ziel, auch wenn er nur eine vage Vorstellung von ihrer Art hatte. Verdeckte innere Eigenschaften, Tugenden, Normen sollten an die Oberfläche gespült werden. Die Menschen sollten wieder zusammen leben.

Und Klaus fing an, schrieb erst einige Gedichte, dann Zeitungsartikel und Aufsätze. Er mischte sich ein. Gelangte nach und nach zu einer gewissen Bekanntheit, wurde häufig eingeladen, hielt Lesungen und Vorträge, wurde letztendlich zum gefragten Redner, der selbst große Säle füllte.

 

Zweites Leben

Klaus trat nach vorn, einen Schritt innerlich zurück, nahm sich zusammen und lies sich fallen in die Arme des Saals. Er begann:

„Werte, sehr geehrte Bürger, Bürgerinnen, Nichtbürger, Herr Bürgermeister, liebe Frau Bürgermeister!

Heute, nicht morgen oder übermorgen, gestern oder vorgestern und schon gar nicht letzte Woche, letztes Jahr, zu Urzeiten – nein da nicht sondern heute und jetzt, hier, nicht auf Nord oder Südamerika, nicht asiatisch weder noch französisch noch usbekisch geschweige russisch möchte ich, und ich nehme mir die Freiheit des Rechts nicht nur für sie, auch für mich und für uns alle – da bin ich offen und komme nicht umhin um die Wahrheit, die ja zu Füßen liegt und nicht nur mir, sondern auch ihnen, schauen sie sich nur mal um.

Was ist es denn, was uns bewegt, haben wir denn nicht genug gewartet und manch einer kann doch nur davon träumen ohne zu wissen. Der Fuchs der erschöpft von der Jagd in seinen Bau heimkehrt hat nicht annähernd ein ähnliches Schicksal zu tragen als die Kröte mit ihrem Panzer und den Elefanten.

Wo, wenn nicht hier in diesem Saal des Barock, der geistvoll uns an die verflossene Epoche erinnert in der wir nicht gelebt haben und auch nicht leben werden und ich frage: Wollen wir das denn überhaupt?  Ja und Nein lautet die Antwort, denn wer kann das schon! Und wissen wir denn wo wir sind und wo die anderen? Wer von ihnen stellt sich solche essentielle Fragen, auch wenn er mal allein ist oder zu zweit?

Um nun zum Ausgangspunkt zurückzukehren, möchte ich ein Zitat des großen Meisters anführen, der leider verstorben ist aber gelebt hat und das nicht zu kurz. Der ein oder andere wird es schon das ein oder andere Mal gehört haben, wenn auch nicht in dieser Form und Umgebung die den gerechten Rahmen für die Worte eines so großen, denn klein war er ja wirklich nicht, Wesens darstellt. Kurz und bündig ist die Sache hier auf den Punkt gebracht ohne Schnörkel und Schönrederei. Ja, Ohne das Gegenteil von Mit wie Für das Gegenteil von Wider. Ohne Für aber mit Wider nicht wieder ohne. Wie sonst. Wie wäre denn das? Schlafen wir nicht in derselben Nacht? Doch! Und es ist dunkel. Geworden. Auch anderswo. Wir sind nicht einzig. Aber artig. Ja artig nicht einzig wie andere Tiere im Kosmos. Ein Raum, ein Baum, ein Traum. Es reimt sich und hat doch verschiedene Bedeutung.

Ein Erlebnis, das mir kürzlich erschienen ist hat mich zutiefst beunruhigt, denn es könnte jeden treffen, nicht nur die, die es sowieso trifft. Und noch etwas, die gesamte Materie meines innersten Ichs sträubt sich dagegen. Meine Immanenz ist polarisiert und degradiert wie ein Soldat, der auf dem Schlachtfeld zum Feind überläuft den er gar nicht kennt und der ihn darnieder metzelt gleich einem Hasen, der vom Schrot des Jägers zerfetzt wird, unschuldig wie ein junges Mädchen das verlassen sich vom Hochhaus stürzt und wie ein angebrannter Pfannekuchen aus der Pfanne, vom Asphalt gekratzt werden muss.

Aber abgesehen von solchen Unsagbarkeiten wird sich die Existenz nicht allein zu unser aller Freude vergehen. Auch andere werden da sein. Vielleicht sogar hier. Es ist nicht auszudenken.

Was können wir? Nicht wahr? Und so frage ich sie und mich gleichermaßen: Ist nicht das eine wie das andere? Wurst? Ist denn nicht Zervelatwurst auch nur eine Salami?  Ja, ja, doch sie ist, er ist, wir essen, ich bin.“

 

Der Applaus toste los und verschwand, verkroch sich im Dunkeln, kam wieder empor, schwoll übermächtig an, platzte und übergab sich nach vorne gebeugt direkt auf den Redner, der unter dieser Last vorn überklappte, was als Verbeugung interpretiert wurde. Und es war ja auch eine Verbeugung, eine erzwungene, umschlungene, ganz plötzlich kommende die den Mann übermannte der sich so viele Sorgen und Gedanken gemacht hatte, der etwas verändern wollte und sei es das Nichts, der etwas suchte. Nun hatten sie ihn verstanden und erhört doch war schon alles vergessen, verschlungen vom Getöse das nun zurückschlug, auf die Massen hernieder rauschte und sie betäubte, ihnen das Hirn entleerte und nur eine hohle Blase zurück ließ, in der sich nichts befand als eben dieses, das alles war.

Man trug Klaus von der Bühne und bettete ihn in einem Hinterzimmer auf ein Himmelbett in seidenbezogene, bespitzte Daunendecken. Man wollte diesen großen, genialen Meister der schwangeren Rede, der Beherrschung der Massen, der Suggestion und Sukzession schonen und zur Ruhe kommen lassen nach der enormen Anstrengung, diesem Geniestreich. Doch schon kamen die ersten Gratulanten herein gestolpert, beladen mit mannshohen Blumenrabatten, riesigen Schnapsflaschen, Bergen von Lob und Demut die sie über ihn zu ergießen im Sinn hatten. Sie bildeten eine Schlange, die sich fließend, schlängelnd bewegte und deren Kopf am erschöpften Bettlägerigen züngelte und sprach:

„Herzlichen Glückwunsch Klaus, tolle Rede alter Junge, weiter so, hier die Blumen, da die natürlichen Damen, wenn hier alle raus sind bleiben sie noch und begleiten dich etwas. Heh heh, huh huh, gute Idee von mir was, höh höh, hüh hüh hüh hüh, ü ü ü, ä man das Leben ist aber auch, also ne so was hab ich noch nie, und wie lang ist es doch schon her, keiner hätte gedacht noch vermutet bei deiner Jugend damals, und das war ja wirklich nicht von schlechten Eltern, da biste gerad noch so durchgerutscht und geschadet hats dir wohl nicht, wie man sieht, im Gegentum genutzt hat es dir, Klaus, genutzt, dass du früher so warst und immer nur gemacht hast was dir passte und sei es das Rauchbombenbasteln mit Heftumschlag und Wunderkerze und dann ab in den Hausflur und jetzt ist es auch wie ein Wunder ich wundere mich jedenfalls nicht nur über dich auch über die Leute hinter meinem Hintern, die dich überhäufen werden, wenn ich nur endlich weggehen würde. Ja aber ich geh noch nicht – Tschüß Klausi. Der nächste bitte!“

„Alter Junge, alter Junge“ – Klaus war gerade fünfunddreißig. Im besten Alter oder im schlechtesten, je nachdem wie das Leben auf einem spielt, ob es herumreitet, wütend sein ganzes Gemächt und Gedärm nach außen kehrt, so dass die abgrundtiefe Grässlichkeit emporsteigt und herniederknüppelt bis man breit und zu Brei geklopft als Matsch auf der modrigen nackten Erde dahinkriecht und siecht, oder ob es doch, was es auch kann, den Menschen in leichtem hellblauen Wasser umrinnt und sich enthüllt als tragender Arm, der den zur Quelle führt, der sich führen lässt.

Was kann das Leben hervorbringen? Ist es immer dasselbe? Wiederholt es sich als Endlosschleife mit immer den gleichen Menschen und dem gleichen Ablauf? Klaus wusste es nicht und während seines Nachsinnens über eben dieses war der größte Teil der Schlange an ihm vorbeimarschiert ohne dass er es bemerkt hatte, ohne sein Zutun. Automatisch hatte er sie abgefertigt einen nach dem anderen und nun lag er, umrankt von in Blumen gebetteten Schnapsflaschen und allerlei Spielzeug, da und war erholt, auferstanden, wie aus dem Ei gepellt, sprudelnd vor Durst und Hingabe.

Die Damen standen in ihren Strümpfen an der Seite und schickten sich an ihre Röcke zu heben um der Freiheit willen, um sich einfach besser zu fühlen und um den Wind zu spüren der hineinwehte durch das geöffnete Fenster, vor dem sich ohne Ankündigung die aus der Schlange Verbliebenen in Reih und Glied aufstellten und unter der Führung einer korpulenten, torpedierten Dame ein Lied anstimmten, um Klaus zu besingen. Es erklang so wunderbar vielstimmig und fließend, dass die Damen von den zarten Klängen zu Bett getragen wurden, sich sanft in die Blumen schmiegten und mit Klaus verflossen bis die fünfzehn Strophen mit einem Abschlusssolo der Korpulenten endeten. Gern wäre auch sie zu Klaus gestiegen, hätte sich ins Getümmel geworfen, allein sie getraute sich nicht ob ihrer Gesittung und Moral und so blieb ihr das Besingen des Treibens, das ja das Leben ist.

Der Chor versammelte sich nun um das Bett und Klaus holte inmitten seiner Nymphen aus zu einem ausgesprochenen, ergiebigen Monolog:

„Töne, Musik, Liebe, Himmel gehören doch genauso zusammen als Wasser, Sonne, Fisch und Gras wie Baum, Wellen, Stein und der kilometerlange rote Teppich für den Menschen ausgerollt um hineinzugehen in das miteinander Verwachsene, das ineinander Steckende, das mit ihm Entstandene und mit ihm symbiosierte Ganze, schwingende, in endlose Bewegung versetzte Kleine, das nur ihm und uns groß erscheint in unserer Einfalt, in der niemandem nichts mehr einfällt und so werden wir überhäuft von Ergüssen aus vermoderten Innereien die uns anfaulen und gammeln lassen im strahlenden Sonnenlicht, bei Meeresrauschen bedeckt von aller Weiblichkeit.

Und es war nicht immer so oder doch? Können wir das denn überhaupt oder ist es uns nicht vergönnt von der Natur, die ihren Reigen spinnt ohne uns zu fragen, ob wir einverstanden sind, ob wir mitspinnen wollen und wie wir spinnen, allein aber auch miteinander, aber auch mit den anderen und das ergibt die höchste Netzspinnerei in dem alle gefangen werden und sich gegenseitig aussaugen, das letzte Fünkchen Glut aus den Gehirnen ziehen, die dann brach liegen, abgeschoben werden zur Auswanderung, bereit sich zuzulöten bis zur vollkommenen entgeistigten Zergatschung.

Der Vogel singt sein Lied und auch wir können singen, nicht wie er nur anders, nur anders als der kleine süße Vogel, das niedliche Vögelchen, ach ihr meine kleinen süßen Vögelchen, was wäre ich nur ohne euch, ohne eure Hände, eure Münder, eure Beine, eure Weichheit, eure Fühlsamkeit, ihr seid die Musik, ihr schwingt mit mir und das ist das einzige, das ist das einzige, das mich wärmt, das gemeinsame Schwingen, das Sicherheben vom Sumpf der Erde Emporsteigen und wieder Darniedersinken um erneut aufzusteigen in die Stratosphären des Planeten und wegzukommen von der vollgemachten Erde, deren Rundheit uns aufgezwungen wurde und mit der wir leben müssen.

Klaus entschlich nun der lauschigen Gemeinschaft, verflüchtigte sich so schnell als möglich.

Stumm blieben sie, es war alles gesagt, jeder fühlte, dass dem nichts hinzuzusetzen war und sich jegliche Diskussion, jeglicher Kommentar von selbst ausschloss. Wie war das möglich, wie konnte ein einfacher Mensch zu solcher Erkenntnis gelangen, in diese Höhen aufsteigen? Sie ahnten, dass er nicht aufgestiegen war sondern von oben kam, sich herniederließ und beugte, nachdem er aus ferner Perspektive lange geschaut, dem Gemetzel Aufmerksamkeit geschenkt hatte und sich dann entschloss, zur Tat zu schreiten, nicht einfach wegzusehen. Ja, so musste es gewesen sein. Nach und nach stand nun ein Menschengeschöpf nach dem anderen auf und ging langsam seines Weges, umgekrempelt vielleicht bis morgen. Die verwurschtelten Damen glitten in ihre leichten Vorhänge und flossen in ihr Kellergemach um sich zu pflegen und zu schonen für die Kinder, die schon im Begriff waren aus den kleinen Zellchen hervorzugehen.

Klaus musste weiter, einfach weiter. Die Lebenskraft brannte in ihm und erfüllte seine ganze Hülle mit einem warmen Flackern, das man sah, schaute man durch seine Augen in ihn hinein. Warum nur immer dieses Weiter, woher diese Hitze, diese ständige Bewegung, dieser ununterbrochene Zilienschlag in seinem Gehirn? Wer machte das? Wer war dafür verantwortlich? Wer steuerte ihn? Die Sonne, die Wärme, die auf ihn hernieder strahlte, in ihn eindrang und ein Feuer entfachte, das mit keinem Bier zu löschen war? Er musste sich erfrischen und abkühlen von der Augusthitze und dem trotz globaler Abkühlung heißgelaufenen Menschheitshaufen und machte sich auf den Weg zum „Plötz“, der Kneipe, die man ihm empfohlen hatte.

Von innen drang ein Säuseln, gepaart mit fischigem Nebel, durch den der schon aufgegangene Mond wie ein verschwommenes Auge blickte und Klaus in seiner alten Nylonkutte wie einen Straßentroll erscheinen ließ. Er trat durch den Türschlitz hinein in den Kneipenteich, in dem die Menschen saßen, die gerne Fische wären und versuchten im Wasser zu leben indem sie sich literweise das Bier in das Maul und über den Kopf kippten. Alles war feucht und glitschig und aus dem Untergrund erklang eine dumpfe, leiernde dann wieder fließende und plätschernde Musik empor. Sie wurde von einem Unterwasserorchester gespielt und hieß Unterwassermusik.

Klaus war sogleich hin und weg und in Bierlaune, setzte sich an einen Tisch und rief langsam und blubbernd der hinterm welligen Tresen stehenden ebenso welligen Zapfdame zu: „Biere, Biere, Bierje, Bieje, Bitje, Bittje, Bitte.“ Auf der Stelle floss es ihm zu, er ertrank sich daran und füllte seine entsafteten Vakuolen.

Das Bier ebnete ihm den Weg zu den Gehirnen der anderen Menschen und Fischmenschen, zu den Fischhirnen, den automatisch funktionierenden. Es war kalt und flüssig, so dass Klaus insgesamt weicher und plastischer wurde, sich dampfend anglich an die Schwimmenden, mit ihnen das ewig nichtdenkende Sein bildete und aufging in der dünnen zappelnden Masse, die die Erde umgab. Ein Kärpfling setzte sich zu ihm. Er schimmerte so schön grünbläulich, dass es eine Augenweide war. Sie versuchten eine Konversation über die goldenen Karauschen und ihre Lebensweise.

Klaus trieb von den Wellen geschaukelt hin und her, immer weiter dem wässrigen Aggregatzustand entgegen und goss von oben nach was die Zapfsäule nur hergab. Die wunderschöne, schlanke, ranke Säule, dieses einmalig geschmeidige Fischchen, das sicher ganz andere Sachen konnte als nur zu gießen und zu kippen.

„Was war es denn, was dort oben schien? Die Sterne so weit weg und was waren wir hier auf der Kugel und dort die Sterne, was sollte das sein, wo sollte man sein und wo war man und wo sah man hinein? Tun, Machen, Bewegung als Nichts, ohne Beachtung, niemand sah zu, niemand kannte uns, wir waren allein und sprudelten nur so über und über vorüber, bald wird es vorbei sein, diese kurze Periode, das Aufflackern, das Zucken und wieder Verschwinden, der Wechsel der Zustände der blieb, das Einzige das blieb, die Verwandlung in Stein, in Kristall, in Knete, in Schaum, in Gas, letztendlich in Gas. Das Fischchen wird wollen und rollen mit seinen Flösschen umschlingen was es kann. Nur Augenblicke gibt es, keine Zeit, das Bier das Bier, her mit dir, gegen null, es geht gegen null, das Leben ist nur jetzt und deshalb null, wie schön, wenn das so ist, wie schön du bist.“

Klausens Wachheit war erweitert, er hielt sich fest an dem Zapffischchen, das ihn begleitete. Sie schwammen auf dem Gehsteig zu ihrem Nest und schliefen wie die Murmeltiere, bis die Sonne durch die durchsichtige Decke strahlte und sie erweckte. Was war das nur für ein Fischchen? Es lag einfach da und sagte nichts. War es eine Elritze, ein Ukelei, ein Moderlieschen? Klaus entschied sich für das Moderlieschen aber in gold statt silber, denn es glänzte golden und warf die Sonnenstrahlen zurück direkt durch Klausens Augen in sein Innerstes, sein organisches, in sein weiches grauweißes Gehirn. Das begann eine Verbindung zu knüpfen zu diesem kleinen Goldlieschen. Eine unsichtbar duftende Strömung verband die beiden Lebewesen und ließ sie leuchten.

Zahllos wurden die Reden. In sämtlichen großen Städten trat Klaus auf und erfüllte seinen selbst aufgetragenen Auftrag. Heute sollte er im Stadion vor fünfzigtausend Menschen sprechen. Er fühlte jedoch ein Unbehagen, dessen Ursache ein Gefühl der Sättigung war, das sich seines Körpers bemächtigte. Er fühlte, dass es genug war, dass jede weitere Rede zu einem Übergenug führen konnte und er beschloss, mit dieser Rede sein Rednerdasein zu beschließen, seine Berühmtheit verkümmern zu lassen und sich am Goldlieschen ein Beispiel zu nehmen. Es sollte seine letzte Rede sein und sie sollte aus dem Stehgreif frei erdacht und dann ausgesprochen werden, aus den größten Tiefen schöpfen und aufsteigen bis zum Rand der universalen Schüssel der planetaren Laufbahnen.

Das Stadion tobte. Klaus stand im Untergrund und klopfte sich die blaue Cordhose ab, strich durch sein Haar, gab sich einen letzten Tritt und schwang empor auf die riesige Bühne. Jetzt explodierte die Masse, es war die Hölle. Und Klaus liebte sie. Der Himmel hatte ihn noch nie gereizt, er wollte schon immer in die Hölle. Nun hatte er sie vor sich, stand in ihr. Es war heiß, kochend heiß, ein Kessel überschallenden Lärms in dem Klaus nun kochte. Er erhob seinen kleinen Finger und die Masse erstarrte zu absoluter Stille.

„Liebe Natur, danke, liebe Stadionistinnen, liebe Stadionisten, ich werde beginnen mit dem zuforderst stehenden letzten, das nicht nur mir wichtig erscheint, sondern heilig als Ring über diesem riesigen Stadion schwebt, als behütender Schein, der auf uns fällt und uns begleitet durch dick und dünn. Aber auch das Schwein, die Katze, der Adler sind beschienen und haben es nicht weniger verdient, so bescheiden sie leben in einem Haufen in einem Haufen aus Mensch, der ihnen beschieden ist genau wie der Schein dem grunzenden Schwein, ob wild oder eingepfercht wie wir mit rosafeuchtem Antlitz.

Das Wasser ist angereichert in den Hautsäcken, die, bedeckt mit allerlei Gefieder, umherwanken in Tal und auf Berg sowie dazwischen sich tummeln und überlegen, jedenfalls manche aber doch viele, vielleicht die meisten und dann handeln nach dem Überlegten sich übergelegten, so dass die freie Sicht versperrt ist und das Übergelegte zu grauenvollen Taten führt und das Leben erschwert, behindert, nicht zur Vervollkommnung kommen lässt und die Haufen verwirrt, völlig durcheinanderbringt, in nichtexistente Richtungen lenkt nur wegen der Entartung, des Auswuchses, der Hirnblase, entstanden weil es so warm war, und nun müssen wir uns mit diesem Fehler herumquälen, es sei denn, wir finden die Lösung nicht die Losung, denn die haben wir schon mehr als genug hinterlassen hinter uns, aber nach vorn müssen wir schauen, zum Horizont und vor die eigenen Füße dann fällt auf, dass wir stehen geblieben sind und zurück, das heißt weitermüssen, um zu siegen über dieses Gebilde, das sonst uns besiegen wird.

Es passiert ja doch das, was wir nicht wissen, egal ob wir wollen oder nicht wollen und wenn es passiert, ohne das wir es gewollt haben, wollen wir es ja doch, also wozu wollen wir es dann, frage ich und lasse es so stehen als wenn ich das gewollt hätte. Aber nein, abwenden werde ich mich davon und alle sollten das, ein Beispiel suchen bei der Amöbe und dem Geißeltierchen, der Meise und dem Spatz, die keine Bedenken tragen sondern kriechen und fliegen und singen was das Zeug hält ohne großes wenn und aber, ohne Kürbis und Rhabarber und auch diese beiden machen es genauso und kommen danach erneut durch die Kraft ihrer Samen ans Licht und wieder und wieder, immer wieder wiederholt sich das Ganze bis es zu kalt ist, zu kalt für das Keimen und Reimen und andere die Oberhand gewinnen in der Kälte der Sonne, die noch so schön wärmt.

Da strömt es in uns, der Strom teilt seine Schläge aus und fließt kreuz und quer hin und her durch das weiche Gefleisch autonom und doch verbunden mit dem Schein der Außenwelt, die in uns hineinleuchtet und die Ströme in die Bahnen lenkt und wir sollten es geschehen lassen ohne Bekümmertheit und Sorge, denn sie macht uns kränkelnd und träge dabei wollen wir springen und klingen wie die Harfe und die Plektrumgitarre an einem brachialen Röhrenverstärker, der alles wegbläst was zu leicht ist, um bestehen zu können und das ist eben alles das was überhängt, was zuviel ist, was aus der Blase unnütz hervorquillt. Diesen ganzen Dreck lasst uns nun wegpusten, gemeinsam über den Jordan schicken und die Ursache gleich dazu verjagen aus dem Schädel der gescheitelt und viel zu schwer dort oben sitzt und der dann heruntergeputzt von seinem Führungsanspruch viel leichter wird zu tragen und ertragen sein. Nichts mehr werde ich sagen, es klingt allein und das ist alles, das Schwingen umgibt uns und ohne ein großartiges Zutun verläuft das Leben im Sand mit der Natur, die auch diese elektrische Gitarre erschaffen hat aus Esche, Ahorn und Ebenholz vom Naturmenschen aufbereitet um mit ihr zu singen, gemeinsam, mit allem vereint in diesem Stadion der Musik.“

Jetzt nahm Klaus seine tiefschwarze Gitarre aus der samtenen rosa duftigen Hülle, in der sie ruhte und nun einzig in diesem ganz besonderen Augenblick, einer anstehenden großen Veränderung, eines Begräbnis des Alten, einer Neuerschaffung aus dem Zusammenspiel der zappelnden Teile, herauskam, um diesen Umbruch zu bestreiten, das Überfällige in die Flucht zu schlagen, so dass es voller Angst zitternd sich erbricht, ausläuft, vertrocknet und das Andere bisher unterdrückte hervorkeimt und sich mit aller Kraft der Blasen bemächtigt.

Alles ist still, kein Windhauch zu hören. Eine ewige Minute und da, der erste Ton, so klar und weich, fließt durch das Stadion. Durch die Köpfe, die sich langsam beginnen zu drehen. Weitere Töne fließen im Kreis. Klaus spielt sie heraus und sie dringen in die Mägen, bewirken ein Schwingen, verursachen Bewegung, Bewegung die stärker wird. Die Massen von den Rängen und Tribünen strömen hinunter auf den Rasen, drehen sich dabei, Klaus spielt, die Ströme werden schneller, rasanter und in der Mitte bildet sich ein Auge, ein rundes Auge um das die Menschen laufen, dann springen, das gesamte Stadion dreht sich um das Auge, wird schneller und schneller, Klaus spielt hart, ein Wirbelsturm aus Mensch, immer höher klettert er aus seinem Ursprung sich zum Himmel verbreiternd, steigert sich mehr und mehr, lauter und lauter, schneller und schneller, Klaus ist am Höhepunkt, hält den letzten Ton, und die Spirale ebbt leicht ab um sofort in sich zusammenzubrechen, alles stürzt hinunter, aufeinander, die weichen Menschen verteilt fließen zusammen und bilden das neue Meer, das große wogende mit dem letzten Ton schwingende Wasser.

 

Drittes Leben

Klaus erwachte in seinem neuen Bett. Er schlief nackt auf Seegrasmatratzen unter einer Wolldecke. Neben ihm das Goldlieschen. An die zwölf Stunden hatte er fest und ruhig geschlafen. Nun gaben die Vögel draußen ein Konzert, das den gesamten Tag andauern sollte. Sie waren emsig dabei, Nester zu bauen und für Nachwuchs zu sorgen. Er sah vom Bett aus dem Fenster in den hellblauen Himmel und träumte eine Weile dahin. „Mein Lieschen guten Morgen du.“ Es rollte sich unter der Decke hervor und schmiegte sich an. „Hörst du den Frühling, es wird wärmer und wir können draußen was arbeiten. Ach, wir bleiben noch liegen, komm du mein kleines weises Häschen.“ Sie kuschelten sich aneinander und gingen ganz auf in ihrer Einheit, in ihrer Gemeinsamkeit.

„Meinst du wir könnten schon ein Möhrenbeet anlegen? Der Boden ist weich und nicht mehr zu nass, die Sonne taut den letzten Schnee.“ Das Lieschen nickte. Ganz leicht standen sie auf und das Frühstück wurde auf dem Holztisch im Garten bereitet mit Eiern, Brot, Käse, Butter und Honig. „Ein Milan, Rotmilan dort siehst du? Und die Kraniche sind zurück.“ Sie aßen ausgiebig, so dass sie lange Zeit vom Hunger unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen können würden. Die Hühner und Enten wurden gefüttert, die Schafe bekamen frisches Heu und Wasser und das Beet für die Möhren wurde vorbereitet. Klaus lockerte den Boden mit einem Kultivator, ebnete ihn mit einem Rechen und zog dann flache Rillen in die das Lieschen die Samen fallen ließ. Erst Möhren-, dann Zwiebel- und zum Schluss ein paar Radieschensamen in jede Rille. Klaus bedeckte sie mit Erde und trat diese fest, umarmte dann sein Goldlieschen und küsste es auf den schlanken Hals.

„Komm wir machen eine kleine Wanderung durch den Wald. Hast du Lust?“ Erste Knospen grünten, es war noch sehr licht und sie schlichen leise vorbei an Buchen, Eichen, Ulmen und Ahornen. „Ein Reh, nein zwei, drei und dort hinten zwei Hasen.“ flüsterte Klaus. Der Specht pochte oben und das Gebüsch raschelte. Die ersten Sprosse durchdrangen den Waldboden, das Lieschen probierte und pflückte zwei Hände voll für den Salat. Am Waldesrand legten sie sich nieder, ruhten aus eingebettet in ein Meer aus Leben. Der Wind hauchte durch ihre Haare und strich sanft über alles hinweg.

„Dort kreist der Milan. Was er wohl denkt? In menschliche Sprache übersetzt vielleicht: „Bewegt sich etwas? Eine Maus? Da die Entenküken. Hol ich mir eins? Ach nein, ich bleibe lieber hier oben und sehe hinab, sehe mir das Gewusel an.“ Er wird wohl gar nicht viel denken, er macht einfach, er lebt einfach, er kümmert sich um seine Nahrung. Er kann fliegen wohin er will. Wir können das auch. Komm Lieschen fass mich an, lass uns hinauf, hinauf zum Milan. Wir nehmen uns ein Beispiel an ihm. Auch für uns ist genug Nahrung da. Was brauchen wir schon. Wir sind doch klein.“

Klaus war fort. Er hatte sich von den Stadtmenschen getrennt, von seiner Wohnung, seiner alten Umgebung. Er lebte mit dem Goldlieschen in einem von fünfzehn Häusern, die zusammen ein Dorf bildeten. Es lag zwischen niedrigen Bergen in einer Senke. Die Häuser standen nicht in einer Reihe, sie waren unregelmäßig verteilt als hätte sie jemand einfach hingeworfen. Sie waren klein und wirkten noch kleiner unter den mächtigen Bäumen die sie beschützten. Viele waren durch Schnitzereien, behauene Steine oder Bemalungen gestaltet, verschönert der Schönheit wegen. Es gab kein Zentrum, keinen Platz, kein größeres Haus. Ein Netz aus Wegen verband die Bewohner. Jeder konnte zu jedem gelangen. Manche Wege führten weit an einem Haus vorbei, entzweiten sich gar und führten doch hin.

Über dem Dorf vollführten Vögel allerlei Kunststücke. Sie flogen quer, schräg, auf dem Kopf, senkrecht mit einem Flügel unten und einem oben, zeigten Pirouetten, Salti mortale und Sturzflüge. Die Menschen machten es ihnen nach. Jeder konnte etwas besonders gut, und waren es auch nur einfache Dinge oder handwerkliche Arbeiten. Der Vogelgesang wurde oft von Kinderlachen begleitet. Wenn es Abend wurde glitzerten die Sterne herunter, der Rehbock schreckte, irgendwoher tönten leise Klaviersaiten, der Mond schaute. Niemand wusste wo er war, wozu er war im weiten Weltenall und doch konnten sie leben, verstanden es miteinander zu leben, sich mit dem Notwendigen zu versorgen, so dass Zeit blieb für den Anderen, für die Kinder und für das Baumelnlassen. So erhielt sich das Dorf und in manchem Jahr wurde ein neues Haus errichtet.

Es war Abend geworden und so still. Franz kam mit seiner Gitarre vorbei und Alfried mit dem Bass. Sie setzten sich zu viert ins Musikzimmer und quatschten. „Lieschen, hast du zu viel gegessen oder was ist das da unter deinem Kleid?“ Das Lieschen schaute verlegen, Alfried lachte und sagte: „Klaus das wird schön, meine Emilie sieht auch schon beinahe so aus.“ Sie stimmten die Instrumente, Klaus spielte ein Thema, das ihm die Tage in den Sinn gekommen war und die anderen improvisierten dazu. An die zwei Stunden spielten sie, merkten sich die besten Sachen und erarbeiteten nach und nach über die Wochen und Monate zahlreiche eigene Stücke. Ein halbes Jahr später hatten sie zwölf Komposition zusammen und gaben kleine Konzerte.

Niemand erkannte Klaus auf den Konzerten. Neben der Veränderung seines inneren Wesens hatte sich auch sein Äußeres verändert. Nicht dass er jetzt die Haare länger oder kürzer trug oder sich einen Vollbart hat wachsen lassen. Es waren seine Gesichtszüge die runder und tiefer geworden waren. Falten, vielleicht entstanden durch die Ereignisse seines früheren Lebens, furchten die Stirn des noch jungen Gesichts. Die Augen blickten aus einer Tiefe, einem Abgrund hinauf und schienen zu ruhen.

Klausens innerer Wandlung folgte die Wandlung der Umgebung die er wahrnahm. Vielleicht war der Übergang in diese Umgebung auch eine Flucht vor den Qualen der Berühmtheit oder vor der neuen Welt, die nun begann. Er wusste es nicht. Er konnte nichts dafür, nahm es so hin ohne die Ursachen zu ahnen.

Er hatte erreicht was er wollte, hatte einen Anstoß gegeben, einen Stein zum Rollen gebracht, einen so unerwarteten, ungeheuren Einfluss genommen, einen unumkehrbaren Prozess eingeleitet. Die Geister waren in Bewegung geraten und sollten nicht eher ruhen bis alles Alte vom Neuen durchdrungen war. Wenngleich nicht alle Menschen seine Reden verstanden hatten, nicht klar begriffen, was sie ihnen sagen wollten, breitete sich ihr innerer Gedanke der Notwendigkeit einer Veränderung doch übers Land und drang tief ins Unbewusste. Eine Ahnung, ein neues, gutes Gefühl trat an die Stelle des alten und führte zu einer Wesensänderung der Gesamtheit. Es füllte die Leere, gab den Menschen Halt, führte und hielt sie zusammen.

Klaus spürte, dass die Bewegung auch ihn selbst ergriffen hatte, ihn, den Initiator. War er doch ebenso Teil des beeinflussten Menschenhaufens, der ihn zuvor durch sein entartetes Verhalten dazu getrieben hatte aufzustehen und zur Tat zu schreiten. Er hatte die Veränderung zu diesem frühen Zeitpunkt hervorgerufen. Wohlmöglich wäre sie später jedoch auch ohne sein Zutun entstanden. Oder bringt eine Zeit, in der das Leben unmöglich wird Menschen wie Klaus hervor damit das Leben erhalten wird?

Er war ruhig, das Leben war ruhig, seine Freunde waren ruhig. Die natürliche Unruhe des Lebens war gewichen. Oft nahm er ein Buch aus seiner Jugend und lass es noch einmal. An manchen Abenden arbeitete er selbst an kleinen Geschichten und Erzählungen oder hämmerte in der Werkstatt, baute einen Tisch, eine Bank, reparierte Gartengeräte. Lieschen kochte etwas in der Küche und sie aßen zusammen Abendbrot.

Die Sonne versank langsam hinter dem Wald. Das Goldlieschen wusch sich, bürstete seine Zähne, zog sich aus und huschte ins Bett. Klaus saß noch draußen, sah vor sich hin, fühlte eine ungewöhnliche Müdigkeit in sich aufsteigen, ließ sich zur Seite fallen, schloss die Augen und versank. Er lag auf der Erde, sie zog ihn ganz nah heran, er fühlte sie und er weinte, weinte im Schlaf, in seinem Schlaf der ihn Tag und Nacht umgab. Er blieb die Nacht hier liegen, bewegte sich nicht, blieb auf dem kleinen Stück Erde und wurde eins mit ihr als es zu grauen begann und sich die Kälte der Nacht langsam erhob.

 

 

Gab es das Goldlieschen, das Möhrenbeet, die Veränderung der Menschen, das neue, einfachere Leben, die Reden, die Berühmtheit? Gab es das alles oder gab es das nur in Klaus, nur für ihn, in seiner Welt, in der nur er lebte, in die er geraten war, die er sich gebaut hatte und aus der er nicht mehr herauskam? War er von den Menschen krank geworden, an ihnen gestorben? Machten sie da draußen weiter wie bisher?

 

Die Nacht war vorüber und der Morgen strahlte eine kleine Familie an, die sich ganz schlaftrunken und zufrieden im großen Bett rekelte und noch gar nicht daran dachte aufzustehen.

 

Alfried Schöngrün

Rothspalk 2016